Wenn Dionysos die Lebensbühne betritt

Dionysos gilt als einer der wichtigsten unter den griechischen Göttern. Die Komplexität seiner Gestalt äußert sich in der Vielfalt der Eigenschaften, die mit ihm in Verbindung gebracht werden. Als Gott des Weines, des Rausches, der Ekstase und Zügellosigkeit, sowie als großer Befreier repräsentiert er die beständigen, unberechenbaren Veränderungen und Wandlungen der Natur. Er gilt als Gott der Verzückung und des Schreckens, als wahnsinniger Gott, dessen Ankunft die Menschen in die Raserei treibt. Sein Auftreten ist überraschend, beunruhigend und gewaltsam, er reißt die Menschen mit Gewalt aus ihrem gesicherten Leben. Dem ungestümen Wesen Dionysos' wohnen Furchtbarkeit und Tragik inne. Auf seinen Wanderungen lud Dionysos die Menschen ein, an seinen orgiastischen Feiern teilzunehmen. Von Musik und wildem Tanz begleitet, zerrissen und verzehrten die Anhänger auf dem Höhepunkt des Rausches in Ekstase alles Lebendige. Ekstase stammt von der Wortwurzel ex stasis und bedeutet außerhalb von sich stehen, von einer Emotion erfüllt sein, die über den Körper oder das rationale Verständnis hinausgeht. Dionysos verkörpert eine grenzensprengende Macht. Alles bestehende ist dem Untergang geweiht, Sinn und Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Vernunft sind außer Kraft gesetzt. Traumatische Erfahrungen können dem Gott Dionysos zugeordnet werden.

Der Ausdruck Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. In der Medizin und Chirugie bezieht sich der Begriff auf Verletzungen mit Gewebedurchtrennung und im weiteren Sinne auf alle Läsionen, die durch äußere Krafteinwirkung verursacht sind. Übertragen auf die psychische Ebene möchte ich Trauma definieren als ein Ereignis, welches durch eine äußere Kraft verursacht wurde oder als solches erlebt wird und real stattgefunden hat. Es ist ein Ereignis, welches mit großer Intensität, im Sinne von heftigem Schock, plötzlich und unerwartet eintrat. Traumatische Ereignisse bedeuten für die Betroffenen einen tiefen Einbruch, nichts ist mehr wie vorher, das gewohnte Lebensgefüge, Werthaltungen und Lebenseinstellungen sind stark zerrüttet oder zerstört. Traumatische Erfahrungen sind existentielle Erfahrungen. Sie stellen eine Konfrontation mit dem Tod im dionysischen Sinne dar, das Gewohnte ist nicht mehr existent.

Der Mythos von Dionysos erzählt weiter, daß die Menschen, die sich entschlossen an Dionysos' Feiern und an seiner Verehrung teilzunehmen göttliche Ekstase oder göttlichen Wahnsinn erfuhren. Diejenigen, die sich gegen Dionysos und seine Verehrung wendeten, dies waren oftmals Könige, wurden von Dionysos mit Verrücktheit und Wahnsinn bestraft.

Dionysos' Auftreten kann verstanden werden als eine Einladung in die Tiefen der menschlichen Existenz zu blicken. Unter seinem Einfluß bricht die scheinbare Welt zusammen und kann den Weg für grundlegende und tiefe Wandlungsprozesse eröffnen. Dionysische Erfahrungen führen zu einem Zustand der Ekstase. Überwältigt von Gefühlen, die rational nicht begreifbar sind wird das Individuum in Grenzbereiche katapultiert. Diese Grenzbereiche sind oftmals begleitet von tiefen und schmerzlichen Gefühlen. Versteht man Grenzbereiche als Erweiterung von Realität, so gilt es vor Augen zu haben, daß das Erfahren und Durchleben dieser Dimensionen zu einer erweiterten Bewußtseinsebene führen kann.

Traumatische Ereignisse können sehr verschiedene Gesichter haben, z.B. der plötzliche Verlust einer geliebten Person, die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit oder Ausbruch eines Krieges, Flucht und Exil. Das zentrale Moment ist die unerwartete und plötzliche Veränderung des gewohnten Lebensgefüges durch eine Kraft, die von außen eintritt oder als solche erlebt wird und einen Menschen mit Gewalt aus dem Alltag hinauskatapultiert. Erfahrungen dieser Art gibt es seit Menschengedenken, wie es sich auch im Mythos von Dionysos widerspiegelt. Moreno weist darauf hin, daß die meisten Menschen sehr wenig angewärmt dafür sind um mit Überraschungsmomenten umgehen zu können. Ereignisse, die überraschend und unerwartet eintreten, erfordern ein hohes Maß an Spontaneität. Spontaneität ist hierbei zu verstehen als die Fähigkeit, den Anforderungen der gegebenen Situation gegenüber angemessen reagieren zu können und sich selbst als frei, aus eigenem Willen Handelnden, zu erleben. Die psychodramatische Inszenierung, in Handlung und Aktion dargestellte Welt der leidvollen Erfahrungen, aber insbesondere des Gewünschten und nie Eingetretenen, der Sorgen und Hoffnungen führen zu einer Kartharsis, d.h. Reinigung und Erleichterung beim Protagonisten und den Gruppenteilnehmern. Dieser Prozeß ermöglicht, daß erstarrte Spontaneität neu erwachen kann. In diesem Sinne kann Psychodrama als heilendes Theater verstanden werden.

In der Vorstellung der Antike war Krankheit durch einen Gott gesandt, und somit konnte die Krankheit auch nur durch einen Gott geheilt werden. Der Gott, der die Krankheit sandte, war selber krank oder verwundet und dadurch wußte er auch den Heilungsweg. Asklepios gilt als Gott der Heilkunst, sein berühmtestes Heiligtum war Epidauros. Der Zutritt zu diesem Heilgtum war nur Kranken gestattet, die durch einen Traum eine Berufung erhielten. Während des Heilschlafes erschien der Gott den Kranken im Traum oder als Vision und heilte sie. Die Tempeldiener in diesem Heiligtum wurden therapons genannt. Ihre Aufgabe war es die rituellen Handlungen vorzunehmen, die für das Erscheinen des Gottes und den Aufenthalt in dem Heiligtum notwendig waren. Zwischen Dionysos und Asklepios besteht eine enge Verwandtschaft. Asklepios' Heiligtum lag neben den Theatern des Dionysos und das Hauptfest des Asklepios fand zeitgleich mit den Dionysien statt. Es heißt, daß Asklepios zu Dichtung und Gesang inspirierte und diese manchmal als Dank für seine Heilung verlangte. Für den Menschen der Antike waren, wie bereits erwähnt, Krankheit und Leiden von Gott gesandt und wurden als göttliche Heimsuchung erlebt. Diese Sichtweise impliziert eine Akzeptanz des Leidens, da es von Gott gesandt ist stellt es eine Prüfung oder Bewährungsprobe dar. Das Leiden ist in einen Sinnzusammenhang eingebettet ist.

Traumatische Erfahrungen setzen oftmals Prozesse in Gang, die sich umschreiben lassen als: 'Suche nach dem Sinn'. So schwierig es ist, eine Erklärung zu finden für Ereignisse, die rational nicht begreifbar sind, so wichtig ist es, für die Betreffenden das erfahrene Leid in einen Sinnzusammenhang stellen zu können. 'Warum ist mir das passiert, trage ich eine Schuld daran, welche tiefere Bedeutung hat es für mein Leben' sind Fragen, die sich Betroffene unweigerlich stellen. Umfaßt die Methodik, wie beim Psychodrama, explizit ein Menschenbild und eine Lebensphilosophie, so können existentielle Sinnkrisen als Phasen im menschlichen Leben verstanden und zugelassen werden. Das mythologische Motiv des Heilers, welcher selber verwundet ist und deshalb den Heilungsweg aufzeigen kann, heißt im übertragenen Sinne, daß bei jedem Heilungsprozess der heilende Faktor im Patienten selbst zum Tragen kommen muß. Es ist die Aufgabe des Psychodramaleiters als Katalysator zu wirken und durch das psychodramatische Spiel die Heilungskräfte des Protagonisten und der Gruppe zu aktivieren.

Traumatische Lebenserfahrungen stellen sehr dramatische-drastische Momente dar, in denen der gewohnte Lebensrahmen aufgelöst wird. Entwicklungsprozesse an sich bedeuten auch von Bekanntem und Vertrautem Abschied zu nehmen. Wenn wir nicht in einem erstarrten Lebensrahmen verharren wollen, so ist es wichtig sich auf Ungewißheiten einzulassen. Wenn wir die Psychodramabühne betreten, verlassen wir unsere Lebensrealität, denn hier wird Realität nicht nach Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft, nach real und unreal, nach lebendig oder tot definiert. Beim Spiel auf der Bühne sind die Gesetzmäßigkeiten des Alltages außer Kraft gesetzt; hier gelten andere Regeln, das Erleben und sich Bewegen in dieser anderen Realität ist oftmals schmerzhaft, führt letztendlich jedoch zu einer Kartharsis und somit zur Weckung neuer Spontaneität, die uns ermöglicht dem Alltag flexibler begegnen zu können.

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© Leif Dag Blomkvist

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