Die Furien Und Vernichtung in Acting out und Psychodrama

Die Furien oder Erinyen sind die Rachegöttinnen in der antiken griechischen Mythlogie. Sie werden auch als Zorn-und Fluchgeister bezeichnet und heißen Alekto, „die nie Endende", Megaira, „die Neidische" und Tisiphone, „die Mordrächende" - worin ihre Wesensart bereits deutlich wird. Weit älter als Zeus und die olympischen Götter stehen sie in enger Verbindung zur alten Mondgöttin, deren Kult durch das Auftreten der olympischen Götter abgelöst bzw. von der neuen Religion teilweise vereinnahmt wurde. Wenn wir heute das Auftreten einer Person mit dem einer Furie vergleichen, so sind in diesem Bild einige der alten erinyschen Züge noch lebendig : leidenschaftliche Wut, unbändige Rachlust und nicht zuletzt die unerschütterliche Überzeugung von der Richtigkeit und Berechtigung der vollzogenen Vergeltung.

In der „Orestie", dem antiken Drama von Aischylos, erscheinen die Erinyen als letzte Vertreterinnen und unerbittliche Verfechterinnen eines uralten Rechts, das auf der unerschütterlichen Ordnung der Natur basiert.Wer diese Ordnung gestört hatte, wurde von den Erinyen gejagt , in den Wahnsinn und schließlich in den Tod getrieben. Die unbedingte Achtung der Familienbindungen, die Respektierung des Gastrechts und die Verpflichtung gegenüber jedem schutz- und hilfesuchenden Menschen gehörten u.a. zu den fundamentalen Prinzipien dieser Rechtsvorstellung, die, wie W.Otto schreibt, nicht auf Menschenliebe oder Selbstlosigkeit gründete, sondern auf der zwingenden Notwendigkeit eines unantastbaren Lebensrahmens.

Dieses Moment des Zwangs begegnet uns heute in vielen gesellschaftspolitischen Bewegungen ,wo die jeweilige politische Auffassung nicht nur vertreten sondern rigide verfochten wird und jede Abweichung davon als Gegnerschaft verstanden und bekämpft wird. Sobald bestimmte Werte als absolut gesetzt werden, was in den -Ismen aller Kulturen der Fall ist , keimt die Möglichkeit, von archaischer furioser Energie besetzt und getrieben zu werden.

Das hervorstechenste Kennzeichen der Erinyen war ihre unerschütterliche Rachsucht, die keinerlei Einwände oder Milderungsgründe gelten ließ. Sie schauten nur auf die Tat und nicht auf die Person oder deren Beweggründe. Der Tabubruch mußte verfolgt, das Opfer gerächt werden. Und Vergeltung bedeutete hier immer Vernichtung.

Daß Rache und Vergeltungswille als verborgene Motive in großem sozialen Engegement oder in unerschütterlichen subjektiven Haltungen wirksam sein könnten, erscheint auf den ersten Blick als bizzare, wenn nicht gar anmaßende Sichtweise. Doch wird der Zusammenhang verständlicher, wenn die zugrundeliegende Verletzung ,die unauslöschliche Kränkung sichtbar wird, die allein solch archaische Kräfte auszulösen vermag. Dem Zerstörungspotential der Rache geht auch heute noch ein subjektiv oder kollektiv erfahrener Tabubruch - Erniedrigung, Entwertung oder Mißhandlung -,voraus, der als unerträglich und nicht hinnehmbar erlebt wird.

Auf der Psychodrama-Bühne können diese archaischen Gefühle Ausdruck finden in Wort und Tat. Das acting-out verstehen wir im Psychodrama als wesentlichen Bestandteil einer tiefen Begegnung mit sich selbst, in der auch die dunklen und destruktiven Kräfte Raum und Beachtung finden. In der surplus Realität der Psychodrama-Bühne ist es dem Protagonisten möglich ,die Gespenster loszulassen, die ihn bedrängen und kontrollieren. Im acting-out bekommen sie eine Stimme , werden sichtbar und hörbar in der Aktion.

Doch acting-out allein bewirkt noch keine Veränderung , wie wir aus der Beschäftigung mit den Erinyen lernen können. Bloßes Ausagieren, das nur der Sichtweise des Protagonisten folgt, fördert vielmehr den furiosen Aspekt der „Unaufhörlichkeit", der nie endenden Destruktion..Der Protagonist bleibt in dem Zirkel aus Verletzung und Rache gefangen, statt einen neuen Zugang zu Spontaneität und Bezogenheit zu finden.Wer von den Furien besetzt oder getrieben ist, gerät mehr und mehr in eine soziale Isolation. Psychodramatisch gesprochen hat er seine Verbindung zum Tele verloren,d.h. zur Fähigkeit, sich selbst, seine Gefühle, Handlungen und Bewertungen auch aus einer anderen als der eigenen Perspektive betrachten und reflektieren zu können. Dieses Tele, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene, wiederherzustellen und zu fördern,ist das eigentliche Ziel psychodramatischer Arbeit. Der Schritt,nach dem acting-out in einen neuen Dialog einzutreten ,sich selbst zu hinterfragen und Zweifel an der eigenen Sichtweise zuzulassen, fällt nicht leicht und ist oft schmerzlich. Die Leiterin, der Leiter und die Gruppe als therapeutisches Agens sind hier gleichermaßen gefordert, dem Protagonisten Unterstützung, Resonnanz und Begrenzung zu geben, damit er sich aus der furiosen Besetzung lösen kann.

Am Ende der „Orestie" des Aischylos wird geschildert, wie es der Göttin Athene schließlich gelingt, den Zorn der Erinyen zu besänftigen, die Unversöhnlichen zu versöhnen - indem sie ihnen Respekt und Achtung erweist. Respekt vor der Vielfalt psychischer und sozialer Wirklichkeiten, denen wir in uns selbst und in unseren sozialen Bezügen begegnen, scheint auch für uns heute eine angemessene Haltung zu sein. Sie schützt uns vor rigider Einseitigkeit und ist gleichzeitig ein wesentlicher Bestandteil von Tele.

 

Ort: Köln

Zeit 29. bis 31. 10. 1999

Kosten 300 DM

Leitung Hilla Heuel

Anmeldung

Hillla Heuel

Gocherstrasse 36

50733 Köln

0221 - 77 90 59

 

 

 

 

© Leif Dag Blomkvist

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