Soziodrama
Der soziodramatische Rollentausch ist dadurch gekennzeichnet, daß er nicht individuell ist, mit anderen Worten nicht substantiell menschlich. Er hat zwei Aspekte und kann einerseits mit den Rollen in der Gesellschaft zusammenhängen, d.h. der Rolle als Polizist, Arbeitsloser, Mutter, Jugendlicher, Terrorist etc. , andererseits kann es sich um imaginale Rollen handeln, d.h. der Kriminelle, die große Mutter, der Terrorist. Im soziodramatischen Spiel ist der wichtigste Faktor, daß man weiß, daß dies die Maske, also die Dramatis Personae ist, die hervortritt. Auch wenn viele Gruppenmitglieder sich auf der Bühne zur Dramatis Personae in Bezug setzten können, z.B. dem Kriminellen oder dem Ausgestoßenen, bleibt die Dramatis Personae nicht menschlich, also ein Mensch aus Fleisch und Blut und versehen mit einem Namen. Die Mutter ist nicht das gleiche wie Evas Mama oder Stefans Mutter. Es ist von größter Bedeutung, daß das Soziodrama auf dem allgemeinen Niveau gehalten wird.
Wir haben nun die beiden Formen des Soziodramas vorgestellt. Die eine Form weist bestimmte Ähnlichkeiten mit der sog. lebenden Zeitung auf, d.h. die Gruppe spielt wichtige historischen Begebenheiten oder wichtige Gegensätze in der Gesellschaft, wie Fremdenhaß, Umweltzerstörung, das neue Rollenverständnis der Frau etc. Die andere Form des Soziodramas beschäftigt sich nur mit den Rollen und Gegensätzen, die in der Gruppe vorkommen, z.B. Mann Frau, Raucher Nichtraucher, Südländer Nordländer, verschiedene Berufsgruppen, verschiedene wirtschaftliche Statusebenen. Diese Gegensätze werden gespielt und gestaltet und können sehr wohl zu individuellen Psychodramen führen. Man kann sagen, daß das Soziodrama keinen Protagonisten hat. Die Gruppe ist der Protagonist. In jeder gruppenpsychotherapeutischen Arbeit ist es wichtig, sich frei zu fühlen, auf künstlerische Weise zwischen Psychodrama und Soziodrama wechseln zu können. Aus theatralischem Blickwinkel hat das Soziodrama den Vorteil, daß die gesamte Gruppe in einen Schaffensprozeß involviert ist, der kathartischen Effekt hat. Folgendes Beispiel macht dies deutlich: In einer Gruppe von Teilnehmern unterschiedlichen Alters wurde ein Psychodrama gespielt, in welchem Flugsirenen während des zweiten Weltkrieges einen starken Effekt auf die Protagonisten hatte. Mehrere Teilnehmer waren derart ergriffen von dieser Szene und hatten dies gleichermaßen so erlebt, daß ein kürzeres Soziodrama mit diesem Sirenengeräusch von den Betroffenen ausagiert werden mußte. Für einen Zeitraum von 15 Minuten wurde in dieses Psychodrama ein solcher soziodramatischer Aspekt eingearbeitet.
Wir wünschen uns, daß die Eleven lernen, auf eine spontane Weise auf der Achse zwischen Soziodrama Psychodrama entlangzugleiten, und den gruppenpsychotherapeutischen Effekt des Soziodramas erkennen zu können.
© Leif Dag Blomkvist
| Psychodrama.org | Moreno Institut | moreno-institut@psychodrama.org |